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28.01.2002    10:51
Work-Life-Balance
Der umworbene Mitarbeiter
Gedanken über die neueste Mode auf dem Managementmarkt.
Von Dagmar Deckstein

 
 
   
   
(SZ vom 28.1.2002) Wenn wir in diesen Zeiten mal wieder den feuchten Finger in die Luft halten, um festzustellen, aus welcher Richtung der "Wind of Change" so immer weht, dann stellen wir fest, dass er aus Nord-Nordost kommt und ständig "Work-Life-Balance" summt.

Hinter dem Zauberwort - wie immer im amerikanischen Sprachraum geboren - verbirgt sich die neugewonnene Einsicht, dass die raren Talente, das Wissenskapital, die Humanressourcen, oder wie auch immer die Nachfahren der früheren Arbeiter geheißen werden, ihr Geld wert sind und koste es, was es wolle, an die Firma gebunden werden müssen.

Marschrichtung Kuschelecke

Dass sie enormem Leistungsdruck unterliegen, dem mit Gesundheits-, Enspannungs- und Energietank-Angeboten entgegengesteuert werden muss. Kurz: hatten die Unternehmen bis eben noch den "War for talents" ausgerufen, so heißt die Devise heute: "Care for talents".

Krieg war gestern, heute führt die Marschrichtung in die Kuschelecke, in der sich von der Rücken- und Fußreflexzonenmassage im Büro über den Bügel- und Einkaufsservice und den Pflegedienst für kranke Angehörige bis zur abendlichen Abtanzveranstaltung namens "After-Work-Party" ein ganzes Potpourri von Wohlfühlzauber eingenistet hat.
 
   
   
Büromassage

Massage am Arbeitsplatz(dpa )
 
Auf den ersten Gedanken leuchten solche firmenorganisierten Werbestrategien um Herz, Hirn und Hand der kostbaren Mitarbeiter durchaus ein. Aber sobald ein wenig frischer Wind des Querdenkens hineingeblasen wird, gerät dieses Leben-und-Arbeit-Konzept aus der Balance. Eine namhafte Querdenkerin ist die Schweizer Ökonomin und Psychotherapeutin Betty Zucker, langjährige Geschäftsführerin des Gottlieb Duttweiler Instituts, das schon immer für frische Ideen gut war.

Betty Zucker also mokiert sich gehörig über die neueste Mode auf dem Managementmarkt, die sie als nicht ungeschickte, aber letztlich perfide Erscheinungsform des alten Paternalismus entlarvt. "Ein so fundamentaler menschlicher Anspruch wie der auf Lebensgestaltung kann nicht als Unternehmensaufgabe vereinnahmt werden", lautet das Verdikt der begehrten Beraterin aus Zürich.
 
   
   
 
 
»Ein so fundamentaler menschlicher Anspruch wie der auf Lebensgestaltung kann nicht als Unternehmensaufgabe vereinnahmt werden.«
      
Betty Zucker, Beraterin  
 
 
 
Als Autorin unter anderem auch des Buches "Denn sie wissen, was sie nicht tun. Manager in turbulenten Zeiten" kennt sie ihre Pappenheimer - also die Talentefänger in den Chefetagen. Und viele von ihnen gefallen sich nach wie vor in ihrer Hierarchenrolle, aus der heraus sie zum Beispiel die private Internetnutzung sperren, obwohl die Standleitung pauschal bezahlt ist. Sie pflegen das Senioritätsprinzip und bremsen die jungen, hungrigen, einsatzfreudigen Jungstars gönnerhaft von oben herab: "Bewähren Sie sich mal, dann sehen wir weiter."

Erfolg statt Entertainment

Die aber suchen dann lieber das Weite, fliehen die Corporate-Identity- Fassade, weil sie, wie Betty Zucker feststellt, das Problem haben, "besser zu sein als sich manche von gestern vorstellen können". Sie möchten sich ins Unternehmen einbringen, ein Spiel daraus machen und es perfekter gestalten. Sie wollen Ideen umsetzen, und sie nicht nur auf dem Mitarbeiterformblatt beim Jahresgespräch aufgeschrieben wissen.

Erfolg statt Entertainment, Anerkennung statt After-Work-Club. So entpuppen sich allerhand Firmen-Fisimatenten schnell als die alten Bindungsfesseln, vergleichbar dem Syndrom der "overprotection" in der Kindererziehung, oder, wie Betty Zucker sagt: "Wie viel muss jemand erlitten haben, der sich seinen Beziehungsabend von ‘Mama Firma‘ anbahnen lässt!"

Ganz abgesehen davon, dass der Begriff "Work-Life-Balance" die alte Dichotomie zwischen Arbeiten und Leben widerspiegelt. Talente wollen aber nicht ihr Leben verdienen, sondern ihr Leben leben - und zum Leben gehört die Arbeit, der Spaß, die Weiterentwicklung und die Anerkennung. Wenn nicht hier, dann vielleicht beim Konkurrenten nebenan.