25.03.99



    TRIBÜNE

    Führungskräfte: Die neuen Problemlöser kommen

    Wir leben in einer Zeit des schnellen Machens. Just do it - und zwar subito! Das entsprechende Können wird immer wichtiger.

    Von Betty Zucker

    Wer sind diese Könner? Sicher nicht nur die so genannten Experten. Dass jemand Direktor ist, bedeutet nicht zwingend, dass er einen notwendigen Wandel erfolgreich steuern kann. MBA-gestählte Führungskräfte sind nicht unbedingt die Besten, um eine Marketingstrategie für Pampers umzusetzen, und Psychologieprofessoren nicht immer die Geeignetsten, um eine Neurose zu lindern. Die Könner sind die ganz handfesten Problemlöser - jenseits von Titeln und hierarchischer Position.

    Wie auf Treibsand

    Was kennzeichnet den Könner? Abgesehen von seiner fachlichen Expertise muss er erstens treibsandtauglich sein. Die neuen Technologien durchdringen immer mehr alle Lebensbereiche, ob Sport, Sex, Politik oder das Arbeitsleben. Technologien sind heute mehr als nur Instrumente. Sie werden Umwelt für uns. Darin müssen wir uns bewegen können. Und zwar auf eine Art immer wieder neu, denn die Dinge verändern sich schnell, oft unvorhergesehen und teilweise radikal. Dies bedeutet auch einen Sicherheitsverlust. Wir müssen laufen können ohne festen Grund, wie auf Treibsand.

    Um gut, ja exzellent zu sein, muss sich der Könner seiner Aufgabe zweitens mit Leidenschaft widmen. Nur dann kann man Frustrationen, Unsicherheiten, Widerstände überwinden und Durstperioden durchhalten. Leidenschaft ist lebenswichtig, und es wäre schade, wenn diese vorhandene Energie sich nur in Thailand oder im roten Porsche auf der Strasse entfalten könnte.

    Um die Leidenschaft im Beruf immer wieder neu zu entfachen, ist es gut, das Tun am Arbeitsplatz zu hinterfragen: Welche Ideen und Aufgaben begeistern mich am meisten? Wann schlägt mein Herz am höchsten? Was mache im am liebsten? Welche Spur(en) will ich hinterlassen? Bloss: Das hat seinen Preis. Leidenschaft schafft Leiden. Wer sich beherzt in die Nesseln setzt, der muss mit einem juckenden Hintern leben können.

    Nebst Treibsandtauglichkeit und Leidenschaft ist drittens die Fähigkeit gefragt, kollektive Intelligenz bilden und nutzen zu können. Die Problemlösungen werden immer komplexer und brauchen immer mehr das Zusammenspiel autonomer Individuen und Gruppen. Es geht darum, verlässliche Netzwerke aufzubauen und zu pflegen und damit einen intensiven Austausch von Antworten und Leistungen unter Könnern zu ermöglichen. Dies hat übrigens auch Folgen für die Spesenbudgets, die momentan vielerorts gestrichen werden. Virtualität allein genügt nicht. Man muss dem anderen ins Gesicht schauen können, um Vertrauen zu bilden.

    Arbeit im Netzwerk

    Aber auch das Netzwerken ist heute nicht mehr das, was es einst war. Ständig wechseln die Konstellationen. Kooperationspartner werden etwa über Nacht zu Konkurrenten (etwa Schawinskis TeleZüri und die TA-Media). Jahrzehntelange Konkurrenten sollen plötzlich gemeinsam Synergien als Partner produzieren (zum Beispiel die Bankgesellschaft und der Bankverein). Chefs werden plötzlich Kollegen oder Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über Nacht Vorgesetzte.

    Die Entwicklung der oben skizzierten Eigenschaften (Treibsandtauglichkeit, Leidenschaft, Arbeit im Netzwerk) fördert die persönliche Einzigartigkeit. Das eigene Profil wird zur Marke.

    Titel sind Schall und Rauch

    Bei diesem Prozess stellt sich eine ganze Reihe von Fragen: Welches sind meine speziellen Fähigkeiten und Qualitäten? Wie unterscheide ich mich von den anderen? Wie würden mich andere beschreiben? Welcher Unterschied macht den Unterschied? Worauf bin ich am meisten stolz? In welchem Kontext (Aufgabe, personelle Konstellation etc.) entfalten sich meine Fähigkeiten und Eigenschaften am besten? Und last but not least: Für welche Werte engagiere ich mich?

    So entsteht eine "Marketingbroschüre" mit einem Portfolio von Fähigkeiten und Zielen statt einer Auflistung von Titeln und Positionen. Und nebenbei wird in diesem Prozess der Glaube an sich selbst gefestigt.

    Dieser Glaube ist heute wichtiger denn je. Denn er bietet eine Basis für die Sicherheit, innere Stärke und Stabilität, die kein Arbeitgeber mehr bieten kann.

    Das Selbstvertrauen ist die vitalste Lebensversicherung im allgemeinen Chaos. Das Ich ist in unserer Treibsandgesellschaft, in der sich nicht nur die Produkte und Märkte, sondern auch die Freunde und Partner immer häufiger verändern, mittlerweile fast der einzige lebenslange Begleiter.

    Orientierung im allgemeinen Chaos

    Anderseits gewinnt die "professional community" an Bedeutung. Könner wissen, dass Ego-Taktik und Hard-Individualismus ein schlechter Nährboden für Innovationen sind.

    Um neue Ideen zu kreieren, Projekte erfolgreich durchzuziehen, braucht es eine eingespielte Gruppe Gleichgesinnter. Deshalb wechseln immer öfter auch ganze Teams - bis hin zu den Mitarbeiterinnen im Sekretariat - die Firma, etwa, wenn das Umfeld am alten Ort nicht mehr stimmt oder im neuen Unternehmen besser zu sein verspricht. Solche Wechsel sah man jüngst, um nur zwei Beispiele zu nennen, von der Deutschen Bank zur CS Group oder von Digital Equipment zu Microsoft.

    Leistung - und Anerkennung

    Die Zugehörigkeit zu einer "professional community" ist natürlich nicht das Einzige, was Könner an ihrem Arbeitsplatz schätzen und suchen. Sie haben Freude an Wirksamkeit und Leistung, auch oder gerade auch, wenn diese anstrengend ist. Sie sind "Lustleister". Geraten sie in eine Umgebung organisierter Leistungslosigkeit (mit leichtgewichtigen Schwergewichten vor der Nase), dann gehen sie oft frustriert weg.

    Sie wollen Erlebnisse und Ergebnisse. Sie wollen erleben, dass ihr Beitrag gesehen und vor allem honoriert wird. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut in der von Informationen überfluteten Welt. Erfolg misst sich immer mehr in Form von Beachtung und Achtung. Das ist die neue Währung der Informationsgesellschaft.

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Betty Zucker
ist Leiterin der Abteilung Unternehmensentwicklung im Gottlieb-Duttweiler-Institut, Rüschlikon. In der Rubrik "Tribüne" legen Autorinnen und Autoren, die nicht für den "Tages-Anzeiger" arbeiten, ihre persönliche Meinung dar.