Tages-Anzeiger
Publikations-Datum: 19991101
Seite: 31

Wirtschaft

Vom Mehrwert einer kleinen Siesta

TRIBÜNE

Der Arbeitsalltag fordert viel. Wer ab und zu eine Ruhepause einlegt, hält besser durch. Ein Plädoyer für die Siesta.


Autor: Von Betty Zucker

Das Geschäftsleben ist schwer. Vor allem der Alltag: Ins Büro fahren, im Stau stehen, ankommen und sich mit der ersten Tasse Kaffee für den Hype des Tages rüsten. Post, erste Sitzung 7.30 mit der Sekretärin, zweite 8.00 mit PR-Mann, um die Pressekonferenz von 16 Uhr wasserdicht zu machen, dritte 8.30 mit mehr Lohn forderndem Mitarbeiter. Weiter um 9.30 Uhr mit kleinen Kämpfen im Kadermeeting, um 11.00 im Eiltempo zu einem unzufriedenen Kunden.

Es muss weitergehen

Kein Wunder, schlafft man ab, fühlt sich matt und matter. Das Gähnen ist nah, und der Mund ähnelt dem gefürchteten Schwarzen Loch im Weltraum, das alles an Materie einsaugt, sogar das Licht.

Hilft alles nichts. Man muss weiter kämpfen, weiter denken, handeln, entscheiden, Hände schütteln, lesen, loben, rügen, wetten, wagen, den Gewinn erjagen. Und dann? Dann wird der Manager müde. Spürt, wie die Lider schwer und schwerer werden, und überlegt, wie er den drohenden Fall der Augendeckel verhindern könnte. Aber es passiert trotzdem, manchmal sichtbar, manchmal weniger.

Wahrscheinlich war die letzte Nacht zu kurz oder unruhig. Sei es, weil heute eben dieses Kundenmeeting ist oder die gestern vom Finanzchef vorgelegten Quartalsergebnisse enttäuschend waren oder die Tochter mit ihrem tätowierten Freund verreiste.

Missachtetes Bedürfnis

Aber die wahren Gründe liegen viel tiefer: bei den ganz natürlichen körperlichen Bedürfnissen; bei den eigenen biologischen Rhythmen, denen man nachgeben sollte. Viele Studien - zuletzt jene des Schlafmedizinischen Zentrums der Universität Regensburg und der Stanford University - belegen: Der menschliche Körper und der Geist möchten periodisch ruhen, im Schnitt alle 90 Minuten eine kurze Pause, unter anderem am Nachmittag. Ganz kurz, das reicht schon. Dann geht alles viel einfacher.

Doch wer wagt es schon, mitten im Arbeitsprozess dem Bedürfnis nach Ruhe nachzugeben? Ein Nickerchen, das gönnt man sich höchstens am Wochenende. Sonst ist dies mehrheitlich den Pensionierten vorbehalten oder den Südländern, deren Siesta nördlich der Alpen oft nur milde belächelt wird.

So läuft man halt im Hamsterrad weiter, unterdrückt die Sehnsucht nach dem Kanapee und kämpft tapfer gegen das Blei in den Gliedern und die Schwere des Blicks. Tassenweise wird Kaffee getrunken, und, wenn das nicht mehr hilft, greift man gelegentlich auch zu stärkeren Mitteln. Bloss nicht einschlafen, bloss nicht.

Unschönes Wochenende

Bekämpft wird nicht nur die Müdigkeit, sondern letztlich der eigene natürliche Körperrhythmus. Und das erzeugt Stress - als ob es davon nicht schon genug gäbe. Bricht die Hetze des Alltags einmal ab, meldet sich der überforderte Organismus. Etwa am Wochenende: Kopfweh, Appetitlosigkeit, Unruhe. Oder in den Ferien: Kaum haben sie begonnen, stellen sich Krankheitssymptome ein. Und nur zu oft reichen die verbleibenden Tage dann gerade noch zum Auskurieren.

Manche Firmen haben erkannt, dass gesunde und präsente Geister mehr bewirken als müde und ausgelaugte Mitarbeiter. Fortschrittliche Unternehmen bieten ihren Angestellten schon lange Ruheräume an. Die Betriebspsychologen bestätigen es: Wer ab und zu ausspannt, leistet mehr. Idealerweise sollte die Ruhezeit 20 Minuten betragen. Dann sind die Lebensgeister wieder da. So wird die Siesta zur Powersiesta.